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Herzlich Willkommen im Weblog der Kulturen der Welt. Hier können Sie sich an aktuellen Diskussionen rund um das Programm im Haus der Kulturen der Welt beteiligen.
Ausgewählte Veranstaltungen werden hier dokumentiert und kommentiert.

Das aktuelle Blog bezieht sich auf die Konferenz Beyond Multiculturalism?, die vom 4. bis zum 6. Juni 2009 bei uns am Haus der Kulturen der Welt in Berlin stattgefunden hat. Um Ihnen die Orientierung zu erleichtern, empfehlen wir, die Inhalte über die linke Spalte anzuklicken. Dort finden Sie unter der Überschrift Aktuelle Themen vier Rubriken, die sämtliche Beiträge zur Konferenz “Beyond Multiculturalism?” enthalten. Da die Grenze zwischen den Themen fließend ist, kann es durchaus vorkommen, dass ein Beitrag in mehreren Sparten aufgelistet ist.

Das Blog zur „Beyond Multiculturalism?“-Konferenz verfolgt nicht das Ziel, die Diskussionen der Panels inhaltsgetreu und vollständig wiederzugeben. In der Konferenz angesprochene Themen und geäußerte Ansichten werden im Blog nur kurz zusammengefasst, kommentiert oder in einem neuen Zusammenhang weitergedacht.

Alle Besucher sind herzlich eingeladen, die Beitrage um ihre eigene Meinung zu vervollständigen. Teilen Sie uns Ihre Ansichten zu den Inhalten mit, schildern Sie uns Ihre Eindrücke von der Konferenz oder führen Sie bereits angefangene Diskussionen einfach weiter! Sie brauchen hierfür nichts weiter zu tun, als sich über die Kommentarfunktion am Ende eines Beitrages einzuklicken und ein paar Zeilen zu verfassen!

Kommen wir zusammen?

Sonntag, 05. Juli 2009 09:32 von Evi Chantzi

Das habe ich am Haus der Kulturen der Welt noch nie erlebt: Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Konferenz drängen sich die Leute vor den verschlossenen Türen des Theatersaales. Nur angemeldeten Besuchern wird der Zugang gewährt, der Rest muss warten – und ich frage mich, ob da drinnen tatsächlich der Anthropologe Arjun Appadurai und die Kulturwissenschaftlerin Hito Steyerl sprechen oder ob nicht etwa gleich Sharukh Khan die Bühne stürmt und ich mich lediglich mit dem Datum oder dem Ort der Veranstaltung vertan habe. Denn auch das Publikum ist auffällig jung, trendig, die meisten im besten Alter zwischen 25 und 45 und, allem Anschein nach, Vertreter der akademischen Szene Berlins. Viele sind eigens für die Veranstaltung aus dem gesamten Bundesland angereist, wie zu einem großen Popfestival.

Es ist offensichtlich: Das Thema zieht, es ist „en vogue“ – oder wie ein Freund letztens treffend sagte, als ich mich wieder einmal darüber wunderte, dass ich doch Proust und Zola studiert habe und jetzt mein Geld mit Geschichten aus dem „Ghetto“ verdiene: Migration sells. Aber wer kauft es? Unter den gut 500 Besuchern sehe ich kaum bzw. nur wenig Leute, die sich von einer Veranstaltung zum Thema „Beyond Multiculturalism“ eigentlich angesprochen fühlen sollten, und zwar die Migranten selbst und all diejenigen, die das multikulturelle Berlin ausmachen. Wo sind sie? Und ist ihre Abwesenheit nicht ein Zeichen dafür, dass wir hierzulande weiterhin nach dem tradierten Konzept des Multikulturalismus „jede Kultur für sich“ leben?

Dass dieses Nebeneinander nicht länger ein tragfähiges Zukunftsmodell darstellen kann, verdeutlicht sodann der Intendant des Hauses, Bernd Scherer, in seiner Begrüßungsrede: Mulitkulti, das war gestern, vor zwanzig Jahren, als das Haus der Kulturen der Welt seinen Betrieb aufnahm. Und prompt geht ein Raunen durch den Saal. Das Publikum geht auf die Provokation ein, es möchte ihm diese These nicht so recht abkaufen. Denn, wie sonst könnte man unsere heutige Gesellschaft definieren, wenn nicht als multikulturell? Das zu beantworten ist die schwierige Aufgabe, die sich die Konferenz gestellt hat. Nicht ohne Grund steht ja hinter dem Titel “Beyond Multiculturalism?” ein großes Fragezeichen.

Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989, die Öffnung der Märkte und die Globalisierung haben in der Tat neue, größere Migrationsströme in Gang gesetzt. Aber was hat sich hierdurch geändert? Sind wir wirklich zusammgekommen, jetzt, wo wir doch so nah beieinander sind, wie nie zuvor? Oder haben wir uns noch mehr in unsere ganze eigene, kuschelige Parallelgesellschaft zurückgezogen? Wie haben wir uns entwickelt und wo gibt es noch Handlungsbedarf, wenn es darum geht, nachhaltige Konzepte für das Miteinander in einer globalisierten Gesellschaft zu entwerfen? Das sind die Fragen, mit denen die Konferenz eröffnet wird und die es in den folgenden Tagen zu vertiefen gilt. Der große Andrang auf die Veranstaltung zeigt: Das Thema trifft den Nerv der Zeit, zumindest bei einer unruhigen, an neuen Gesellschaftsmodellen interessierten akademischen Schicht. Der Rest ist Arbeit.


In seiner Begrüßungsrede spricht Bernd Scherer, Intendant des Hauses, von den zwei Zeiten der Multikulturalität und erklärt “Multikulti” als gesellschaftliches Konzept für passé.
Die Begrüßungsrede von Dr. Bernd Scherer



Susanne Stemmler, Initiatorin der Konferenz, wundert sich darüber, dass Migranten in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen und plädiert allgemein für einen neuen Kulturbegriff.
Der Eröffnungsvortrag von Dr. Susanne Stemmler


Arjun Appadurai spricht über die Risiken des Dialogs und erklärt das Phänomen des Kosmopolitismus „von unten“.
Vortrag auf Englisch | Vortrag auf Deutsch (gedolmetscht)


Die Kulturwissenschaftlerin und Videokünstlerin Hito Steyerl schlägt in ihrem Filmvortrag die Brücke zwischen Migration, Globalisierung und Popkultur und geht auf die Gemeinsamkeiten von traditionellen Voodoo-Kulten und modernen Kunstperformances ein.

Was kommt nach Multikulti?

Donnerstag, 02. Juli 2009 21:10 von Evi Chantzi

In Berlin war Multikulti vor allem eins: Der Radiosender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb), der nicht nur – einmalig in der Metropole – Musik aus allen erdenklichen Ländern spielte, sondern auch die “Kanakkultur” salonfähig machte. Vor ungefähr einem Jahr hat die Intendanz des rbb beschlossen, zum 1. Januar 2009 Radio Multikulti einzusparen. Die Aufregung über diese Entscheidung war groß, wie hätte es auch anders sein können. Politiker jeglicher Couleur zeigten sich entrüstet, ein Aufschrei ging durch die Medienlandschaft: Wie, der rbb unterhält sechs Radioprogramme für den deutschen Mainstream und beschließt ausgerechnet die einzige multikulturelle Plattform im Sendegebiet zu opfern? Das geht nicht! Was ist das für eine Botschaft an die Einwanderer und an die Welt? Und so gab es wieder die übliche Unterschriftensammlerei, Proteste und Kundgebungen. In den Feuilletons sinnierte man über die Befindlichkeit der Einwanderungsgesellschaft und über ähnliche, uns allzu sehr bekannte Themen. Alle – außer der Intendanz des rbb – schienen sich einig zu sein: Radio Multikulti muss bleiben. (Gegangen ist es aber trotzdem, hat alles nichts gebracht…)

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich über die Nachricht von der Schließung nicht ganz so betrübt war. Ja, insgeheim habe ich diese sogar ganz leise befürwortet. Schon seit längerem hat vieles an Radio Multikulti genervt, vorneweg sein Nischencharakter. Zwar feierte der rbb Multikulti als sein Integrationsprogramm, doch ich sah im Sender immer mehr ein Exklusionsprogramm. Hierhin wurden ganz geschickt alle Migrationsthemen, alle Migranten und auch alle Moderatoren mit einem Akzent verlagert. Praktikantenanwärter mit einem ausländisch klingenden Namen hat die Personalabteilung  grundsätzlich Radio Multikulti zugeteilt, ganz gleich, ob das im Sinne der Bewerber war oder nicht.

Das alles war auf der einen Seite gar nicht einmal so schlecht, denn ohne Nischenredaktionen wie Radio Multikulti es gewesen ist, wäre der Journalismus für viele Einwanderer in Deutschland nur ein weit entfernter Traum geblieben. Die Kehrseite der Medaille allerdings ist: Journalisten mit einem Migrationshintergrund werden auf Migrationsthemen beschränkt – ihre Biografie öffnet ihnen die Tore zur Nische, schließt sie  aber gleichzeitig vom großen Mainstreamjournalismus aus. Und so ist es einfacher eine Nadel im Heuhaufen zu finden als Migranten der zweiten und dritten Generation bei einer der großen Politik- und Kulturredaktionen. Das ist auch Günter Piening, dem Integrationsbeauftragten von Berlin, aufgefallen, weshalb er eine Umfrage bei den großen Medienanstalten veranlasste. Er wollte wissen, warum Migranten nicht den Beruf des Journalisten/der Journalistin ergreifen. Als erhellende Antwort bekam er von den jeweiligen Personalabteilungen zu hören, dass sich Migranten  zwar durchaus bewerben, aber man könne sie doch nicht in Ausbildung nehmen, ihr deutsch sei nicht gut genug.

Radio Multikulti aber hat in den letzten 15 Jahren genau das Gegenteil bewiesen. Migranten sprechen durchaus deutsch, manchmal zwar mit einem Akzent, manchmal aber auch ohne. Manchmal betören sie durch ihre Sprachgewandtheit und manchmal durch interessante Wortschöpfungen, die es so im Hochdeutschen nicht gibt. Aber wen stört das schon, solange sie gutes Programm machen? Was wäre folglich so schlimm daran, auch bei anderen Sendern Moderatoren mit einer slawischen Sprachmelodie ans Mikro zu lassen oder die funkigen Musikmixs der dritten Generation zu spielen, die gerne östliche und westliche Klänge mischt? Auf Parties kommen diese Beats super an, nicht nur bei Migranten. Auch “Bio-Deutsche” schwingen hierzu gerne mal die Hüfte, wieso also im Radio darauf verzichten?

“Die Rolle der Medien in der Einwanderungsgesellschaft” – das wäre eigentlich die Diskussion gewesen, die das Ende von Multikulti hätte auslösen müssen. Weil diese aber im Lamento über den Verlust des Senders völlig untergegangen ist, hat Pit Schultz vom Hausradio junge Radiomacher aus Marseille, Berlin und Halle ins Studio geladen, die trotz aller Hürden weiterhin für ein zeitgemäßes Radio in der post-multikulturellen Ära kämpfen. Das wirklich Tolle an dem Gespräch ist: Es wird hier zur Abwechslung einmal nicht geklagt, sondern ganz einfach gemacht!

Zur Sendung: A Different Radio is Possible!

David Hollinger: Alte Religion

Mittwoch, 01. Juli 2009 23:22 von Evi Chantzi

Der amerikanische Historiker aus Berkeley sieht im Multikulturalismus eine „alte Religion aus den 60ern und 70ern“, die aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen ist und in der Affirmative Action ihr Handlungsfeld findet. Kennzeichnend für diese „alte Religion“ ist, dass sie „Farbe“ (Rasse) und Kultur ineinssetzt. Das heißt: Ethno-rassische Kriterien sind ausschlaggebend für die Einteilung in soziale Gruppen, eben weil Rassismus und Diskriminierung sich entlang dieser „colorlines“ entfalten. Das Credo lautet: Alle Minderheiten, ganz gleich ob aus Asien, Lateinamerika oder Afrika stammend, bilden zusammen mit der schwarzen Bevölkerung eine Gruppe, die der dominierenden weißen Bevölkerung diametral gegenübersteht.

Für David Hollinger jedoch ist diese Einteilung in „colorlines“, die typisch für den Multikulturalismus amerikanischer Prägunung ist, überkommen und irreführend. Er vertritt die Ansicht, dass Schwarz nicht gleich Schwarz ist und verdeutlicht dies am Beispiel des US-Präsidenten Barack Obama. Diesen zählt man vor allem wegen seiner Hautfarbe zur schwarzen Bevölkerungsgruppe, was einerseits richtig ist, andererseits aber wichtige Faktoren ausblendet. Zum einen hat Obama eine weiße Mutter, zum anderen stammt sein Vater aus Kenia und kam als Student in die Staaten. Es gibt folglich einen großen Unterschied in der persönlichen Historie zwischen jemandem wie Obama es ist und den Nachkommen der ursprünglichen Schwarzen Bevölkerung der USA, deren Vorfahren als Sklaven in das Land kamen. Selbst Letztere als eine homogene Gruppe auszulegen, findet Hollinger nicht sinnvoll, da auch hier das Identitätsspektrum sehr breit angelegt ist: Manche von ihnen haben studiert, wie etwa Michelle Obama, und zählen zur akademischen Oberschicht des Landes, während andere immer noch im Ghetto gefangen sind und die breite Unterschicht ausmachen.

Das zeigt: Die Reduzierung der Identität auf ethno-rassische Faktoren ist nicht länger hinreichend, um rassistische Strukturen aufzudecken und entsprechend Handlungsfelder zu definieren. Denn wenn eine Universität ihre Quote für Schwarze Studenten mit Einwanderern aus Aufrika abdeckt, so verzerrt dies das Bild der gesellschaftlichen Realität in den USA. Deshalb erachtet es Hollinger für notwendig, bei der Ausarbeitung von Handlungsfeldern ebenso Faktoren wie etwa den Bildungshintergrund, die wirtschaftliche Situation, etc. zu berücksichtigen. Wie schwierig es jedoch ist, diese neue Perspektive in den Rassismus- und Multikulturalismus-Diskurs einzubringen, verdeutlicht die Bezeichnung „alte Religion“: Der Multikulturalismus, der sein Handlungsfeld entlang der „colorlines“ definiert, ist aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen, die in den USA als heilig gilt und an deren Festungen nicht gerüttelt werden darf.

Steven Vertovec: Der Mythos vom Multikulturalismus

Mittwoch, 01. Juli 2009 23:12 von Evi Chantzi

Der Soziologe Steven Vertovec stellt die Behauptung auf, dass es niemals eine Doktrin oder eine Idee namens Multikulturalismus gegeben hätte. Beim Multikulturalimsus handelt es sich lediglich um einen Sammelbegriff für ganz unterschiedliche Praktiken und Handlungsfelder, mit denen der Versuch unternommen wurde, den Bedürfnissen einer multiethnischen Gesellschaft gerecht zu werden. So wurde der Begriff „multikulturell“ vor allem in den 1990er Jahren inflationär verwendet, um Konzepte für den Umgang mit kultureller Vielfalt zu beschreiben, die in ihrem Kern sehr unterschiedlich ausgerichtet und manchmal sogar widersprüchlich waren.

In der Politik und in den Medien herrscht dennoch das Bild vom Multikulturalismus als ein einheitliches politisches Konzept, das auf den Unterschied zwischen den Kulturen baut und nach den Prinzipien der Duldung und Akzeptanz verfährt. Die hieraus resultierenden Praktiken sollen zur gesellschaftlichen Spaltung geführt haben und werden für die Probleme und Herausforderungen unserer Zeit verantwortlich gemacht. Die logische Schlussfolgerung ist also: Multikulturalismus ist schlecht, er muss weg. Das findet Vertovec äußerst widersinnig, da, wie gesagt, der Multikulturalismus niemals einen politischen Diskurs mit konkreten Zielvorgaben gebildet hat.

Heute zieht man es vor, von „Diversity“ –  zu deutsch Vielfalt – zu sprechen. Anders als der sogenannte Multikulturalismus berücksichtigt „Diversity“ nicht nur die Ethnie, sondern auch Faktoren wie gender, sexuelle Ausrichtung, Behinderung etc., zumindest in der Theorie. In der Praxis jedoch herrscht Verwirrung: Oftmals werden dieselben politischen Konzepte, wie man sie dem Multikulturalismus zugeschrieben hat, jetzt unter dem neuen Label „Diversity“ weitergeführt. Wissenschaftler, Politiker und Journalisten benutzen Wörter wie “Multikulturalismus”, “Diversity” oder auch “Integration” nach Belieben oder je nach Trend, ohne aber ihre eigentliche Bedeutung zu hinterfragen. Zurzeit verhält es sich so, dass man auf der sicheren Spur fährt, wenn man das Wort “Diversity” benutzt und “Multikulturalimsmus” meidet. Doch warnt Vertovec: Es kommt nicht auf die Bezeichnung an, sondern auf den Inhalt. Er selbst plädiert für das Konzept der „Super-Diversity“, unter der Voraussetzung, dass jeder, der damit arbeitet auch um die vielschichtigen Dimensionen des Begriffes weiß. Welche das sind, das erklärt Steven Vertovec in einem Interview hier auf diesem Blog.

Nevim Çil: Multikulti - die Ethnisierung schlechthin!

Mittwoch, 01. Juli 2009 23:08 von Evi Chantzi

Die Migrationsforscherin Nevim Çil konzentriert sich in ihren Ausführungen lediglich auf den Multikulturalismus in Deutschland. Das ist auch gut so, denn der Kontext, in welchem sich die Multikulturalismus-Debatte hierzulande entfaltet hat, unterscheidet sich maßgeblich von demjenigen der klassischen Einwanderungsländer wie es die USA, Kanada oder Australien sind.

Nevim Çil stellt fest, dass der Multikulturalismus, wie er in Deutschland verstanden und praktiziert wurde, die Ethnisierung von Menschen mit einem Migrationshintergrund überhaupt erst möglich gemacht hat. Denn ein wesentliches Merkmal des als Multikulturalismus bekannt gewordenen Verfahrens ist es gewesen, die Ethnie in den Vordergrund zu heben, getreu dem Prinzip: viele Kulturen nebeneinander. Doch hat eben dieser Ansatz zur fatalen Trennung geführt zwischen Kulturen, die „deutsch“ und solche die „nicht-deutsch“ sind. Durch die ständige Betonung des ethnisch-kulturellen Hintergrunds wurde Migranten jegliche Möglichkeit genommen, sich als deutsch zu definieren, selbst wenn sie es so wünschten. Ihnen blieb folglich nur die Reaktion aus der Ethnie heraus und das Selbstverständnis fremd zu sein.

Çil warnt auch vor einem allzu leichtfertigen Umgang mit dem zurzeit angesagten „Diversity“-Ansatz. Dieser mag zwar das Bewusstsein dafür schärfen, dass nicht alle Migranten die gleiche Migrationsgeschichte teilen und es folglich wichtig ist, zwischen ihnen genauer zu unterscheiden. Ebenso hinterfragt „Diversity“ die Rolle der Ethnie als einzig und alleinige Identätskomponente und berücksichtigt auch Faktoren wie gender, Bildungshintergrund etc. Solange aber der „Diversity“-Ansatz im Sinne eines Mehrheits-Wir operiert, das nicht bereit ist, sich zu transformieren und Minderheitenkulturen als selbstverständlichen  Teil seiner Identität zu betrachten, werden Migranten weiterhin Migranten bleiben  – diesmal zwar nicht in der multikulturellen, dafür aber in der diversen Gesellschaft.

Was soviel heißt, wie: Neues Label, gleicher Inhalt! (Siehe auch Blogeintrag: Herkunft als Schicksal)

Jorge Garcia: Ethnicity matters!

Mittwoch, 01. Juli 2009 23:05 von Evi Chantzi

Der Philosoph Jorge Garcia betrachtet ethnische Herkunft als eines der wichtigsten Identitätskriterien überhaupt. Seiner Ansicht nach, ist Kultur für Gesellschaften, in denen viele unterschiedliche soziale Identitäten vorherrschen, nicht das ausschlaggebende Kriterium. Was den bedeutenden Unterschied ausmacht, sind immer noch Kategorien wie „Rasse“ und Ethnizität. Vor allem Letztere ist ein derart wichtiger und natürlicher Bestandteil der menschlichen Identität, dass sie nicht eliminiert werden kann. Ethnizität stellt die Zugehörigkeit zu einer großen Familie dar und ist die Nabelschnur zwischen uns und unseren Vorfahren, deren Geschichte wir unabweislich in uns tragen.

Da wir uns unmöglich von der ethnischen Identität lossagen können, plädiert Garcia für die Abschaffung der ethnischen Nation und der Einführung einer multiethnischen Nation, also einer Nation, die sich über mehr als nur eine Ethnie definiert. Auch weist Garcia darauf hin, dass es den reinen ethnischen Nationalstaat niemals gegeben hat. Nationalstaaten haben schon immer mehrere Volksgruppe und Ethnien beherbergt. Wir haben uns lediglich an die Idee eines historischen Konstrukts gewöhnt und glauben immer noch, es handele sich bei Ethnizität und Nationalität um ein und dieselbe Sache.

Doch wie entkoppelt man Ethnizität und Nationalität? Garcia schlägt vor, Nationalität als ein rein politisches Gebilde zu definieren, das losgelöst ist von der Definition über eine bestimmten Sprache oder einem gegebenem Wertesystem. So würde die Nation das administrative und politische Organ einer Gesellschaft darstellen, das jenseits der Interessen einer führenden ethnischen Gruppe agiert. Ethnizität hingegen möchte Garcia als ein flexibles und wandelfähiges Identitätsfeld verstanden wissen, das Änderungen verkraftet und diese auch ermöglicht. Ethnizität ist elastisch und kann neue Werte aufnehmen ohne dabei den Bezug zur eigenen historischen Vergangenheit zu verlieren.

Das Ziel einer solchen Entkoppelung wäre nicht die multikulturelle, sondern die konviviale Gesellschaft. Also  kein hierarchisch gegliedertes Nebeneinander der Kulturen, sondern ein gleichberechtigtes Miteinander in einer ethnisch neutralen Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft wäre der ewige Wettstreit um die Vormachtstellung einer bestimmten Ethnie überflüssig, weshalb man sich der eigentlichen Herausforderung widmen könnte: der Definition neuer politischer Ideen und Konzepte für das 21. Jahrhundert!