David Hollinger: Alte Religion

Mittwoch, 01. Juli 2009 23:22 von Evi Chantzi

Der amerikanische Historiker aus Berkeley sieht im Multikulturalismus eine „alte Religion aus den 60ern und 70ern“, die aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen ist und in der Affirmative Action ihr Handlungsfeld findet. Kennzeichnend für diese „alte Religion“ ist, dass sie „Farbe“ (Rasse) und Kultur ineinssetzt. Das heißt: Ethno-rassische Kriterien sind ausschlaggebend für die Einteilung in soziale Gruppen, eben weil Rassismus und Diskriminierung sich entlang dieser „colorlines“ entfalten. Das Credo lautet: Alle Minderheiten, ganz gleich ob aus Asien, Lateinamerika oder Afrika stammend, bilden zusammen mit der schwarzen Bevölkerung eine Gruppe, die der dominierenden weißen Bevölkerung diametral gegenübersteht.

Für David Hollinger jedoch ist diese Einteilung in „colorlines“, die typisch für den Multikulturalismus amerikanischer Prägunung ist, überkommen und irreführend. Er vertritt die Ansicht, dass Schwarz nicht gleich Schwarz ist und verdeutlicht dies am Beispiel des US-Präsidenten Barack Obama. Diesen zählt man vor allem wegen seiner Hautfarbe zur schwarzen Bevölkerungsgruppe, was einerseits richtig ist, andererseits aber wichtige Faktoren ausblendet. Zum einen hat Obama eine weiße Mutter, zum anderen stammt sein Vater aus Kenia und kam als Student in die Staaten. Es gibt folglich einen großen Unterschied in der persönlichen Historie zwischen jemandem wie Obama es ist und den Nachkommen der ursprünglichen Schwarzen Bevölkerung der USA, deren Vorfahren als Sklaven in das Land kamen. Selbst Letztere als eine homogene Gruppe auszulegen, findet Hollinger nicht sinnvoll, da auch hier das Identitätsspektrum sehr breit angelegt ist: Manche von ihnen haben studiert, wie etwa Michelle Obama, und zählen zur akademischen Oberschicht des Landes, während andere immer noch im Ghetto gefangen sind und die breite Unterschicht ausmachen.

Das zeigt: Die Reduzierung der Identität auf ethno-rassische Faktoren ist nicht länger hinreichend, um rassistische Strukturen aufzudecken und entsprechend Handlungsfelder zu definieren. Denn wenn eine Universität ihre Quote für Schwarze Studenten mit Einwanderern aus Aufrika abdeckt, so verzerrt dies das Bild der gesellschaftlichen Realität in den USA. Deshalb erachtet es Hollinger für notwendig, bei der Ausarbeitung von Handlungsfeldern ebenso Faktoren wie etwa den Bildungshintergrund, die wirtschaftliche Situation, etc. zu berücksichtigen. Wie schwierig es jedoch ist, diese neue Perspektive in den Rassismus- und Multikulturalismus-Diskurs einzubringen, verdeutlicht die Bezeichnung „alte Religion“: Der Multikulturalismus, der sein Handlungsfeld entlang der „colorlines“ definiert, ist aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangen, die in den USA als heilig gilt und an deren Festungen nicht gerüttelt werden darf.

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