Freitag, 26. Juni 2009 23:49 von Evi Chantzi
In den 1950er Jahren sorgte in den Vereinigten Staaten ein Buch für besonders viel Furore. Es war der Feder eines afro-amerikanischen Autors entsprungen und trug den mysteriös anmutenden Titel The Invisible Man. Der Roman von Ralph Ellison ist allerdings keine phantastische Gespenstergeschichte, sondern erzählt das Leben eines Schwarzen Amerikaners, der für seine (weißen) Mitmenschen unsichtbar bleibt: „When they approach me they see only my surroundings, themselves, or figments of their imagination – indeed, everything and anything except me.“
Dieser Roman, den ich vor einigen Ewigkeiten gelesen habe, kam mir plötzlich wieder in den Sinn, als Mely Kiyak ihre Ansichten über die deutsche Kulturlandschaft zum Besten gab. Die Journalistin hat die Feuilletons sämtlicher Zeitungen wie auch die renommierten Bühnen der Hauptstadt unter die Lupe genommen, um die Rolle von Einwanderern in den Zentren deutscher Kultur par excellence zu ermitteln. Ihr Ergebnis lautet: Die Migranten existieren nicht. Man sieht uns nicht. Wir kommen nirgends vor. Weder in der Literatur, noch in den Künsten und schon gar nicht auf der Bühne. Einzige Ausnahme bilden Filme und Romane, deren Autoren selbst eine Migrantionsbiografie haben. Bei den „Bio-Deutschen“ hingegen, keine Spur von uns.
Kiyak vermisst etwa im Bühnenbild einer modernen Schiller-Inszenierung einen türkischen Gemüseladen, der ja im realen Deutschland an fast jeder Ecke zu finden ist. Oder auch türkisch-deutsche Charaktere im zeitgenössischen Roman. Sie kann sich mit den Geschichten, von denen die junge deutsche Literatur handelt, durchaus identifizieren, auch sie hat Nächte in Clubs durchtanzt, ist am Wochenende an den See gefahren und wohnt sogar in Prenzlauer Berg, „dem“ Romanschauplatz schlechthin. Nichtsdestotrotz: Jemandem wie sie es ist, wird in der deutschen Literatur nicht einmal eine kleinen Nebenrolle eingeräumt. Regisseure, Schriftsteller und Künstler bewegen sich allem Anschein nach, in ganz sonderbaren Sphären, in denen es ungeachtet der fünfzigjährigen Einwanderungsgeschichte dieses Landes immer noch keine Einwanderer gibt.
Weshalb wir uns hier die Frage stellen müssen: Sind wir Migranten denn wie Ellisons Held auch unischtbar? Oder traut man sich nicht, uns zu sehen, weil man nicht so recht weiß, welchen Blick man auf uns richten soll?
Freitag, 26. Juni 2009 23:44 von Evi Chantzi
Am Ende des Romans „The Invisible Man“ zieht sich Ralph Ellisons Held verzweifelt darüber, dass man ihn trotz seiner Bemühungen nicht zu sehen vermag, von der Gesellschaft zurück. Eingesperrt in seiner Kellerwohnung beginnt er nun, seine Geschichte zu erzählen, welche der Roman selbst ist. Durch das Erzählen jedoch gewinnt der namenlose Held an Kontour und wird schließlich sichtbar. Diese Parabel zeigt nicht zuletzt, wie wichtig das Erzählen der eigenen Geschichte ist, um eine Identität zu finden. Vor allem dann, wenn es keine Vorbilder gibt, an denen man sich orientieren kann.
Auch die Migranten in Deutschland haben irgendwann angefangen, ihre Geschichten zu erzählen: im Radio, im Theater, im Museum. Aber wie Ellisons Held erzählten und erzählen sie immer noch aus einer “Kellerwohnung” heraus oder, um die geläufigere Bezeichnung zu gebrauchen, aus der Nische. Eine solche Nische etwa war der Berliner Sender radiomultikulti. Hierhin hat der rbb alle Themen verlagert, die mit Einwanderung, dem sogenannten interkulturellen Dialog oder der „migrantischen“ Kulturszene zu tun hatten. Das war vielleicht gar nicht so schlecht, da die Migranten über eine Plattform bei einem öffentlich-rechtlichen Sender verfügten, führte aber leider dazu, dass andere Redaktionen sich für die kulturelllen und politischen Belange von Einwanderern nicht zuständig fühlten. Eine andere Nische dieser Art ist auch das Ballhaus Naunynstraße, eine Theater- und Kulturstätte in Berlin, wo die zweite und dritte Generation ihre Stücke inszeniert. Das zeigt: Migranten sind durchaus aktiv, sie produzieren und konsumieren Kultur, nur kriegt das leider kaum jemand mit. Die großen Kulturredaktionen, wie etwa beim Deutschlandradio, fühlen sich nicht unbedingt zuständig darüber zu berichten und die deutschsprachigen Produktionen der Nischentheater gastieren zwar in Istanbul, aber werden wohl niemals an den großen deutschen Häusern zu sehen sein. Es gibt eben die deutsche Hoch- und die „migrantische“ Nischenkultur.
Wenn ich mit Bekannten über diese Zweiteilung spreche, höre ich oft das Argument: Ja, aber das, was die „migrantischen“ Künstler produzieren, kann man nicht wirklich als deutsche Kultur bezeichnen. Es ist eben etwas anderes. Und ich frage mich immer wieder, was es denn sonst sein kann, wenn nicht deutsch? Etwa türkische oder griechische Kultur? Hhmm. Ich weiß nicht so recht; aus der Türkei und aus Griechenland kenne ich solche Geschichten nicht, die vom Leben im Asylbewerberwohnheim, den Stunden am Fließband oder einer Jugend in Neukölln erzählen. Diese Geschichten sind für mich deutsch. Sie erzählen ein Stück deutsche Wirklichkeit, die es so wonaders nicht gibt.
Womit wir bei der Frage aller Fragen wären: Was ist deutsche Kultur im 21. Jahrhundert? Immer noch Schiller und Goethe? Oder schon Zaimoglou und Kermani? Vielleicht aber auch beides?
Freitag, 26. Juni 2009 23:36 von Evi Chantzi
Das ist die zweite Frage, mit der Mely Kiyak das Publikum konfrontiert und die so oder so ähnlich auch in anderen Panels angerissen wurde. Der Sachverhalt ist folgender: Man stellt immer wieder fest, huuh, Migranten gehen nicht ins Theater, nicht ins Museum und überhaupt interessieren sie sich zu wenig für Kultur. Also muss man Abhilfe schaffen, denn Kultur fördert Integration. Das macht man am besten, indem man Initiativen startet, die Schulen aus Neukölln und Kreuzberg oder auch Migrantenvereine an die Stätten deutscher Kultur locken sollen. Und dann wundert man sich über das Scheitern der kostspieligen Programme…
Wo liegt das Problem? Ganz einfach: Man hat vergessen, zu fragen, warum Migranten – und viele andere Leute auch – Kulturstätten meiden. Meli Kiyak etwa sagt über sich selbst: Sie fühlt sich von dem Programm der staatlichen Kulturinstitutionen einfach nicht angesprochen. Es interessiert sie nicht. Sie findet dort nichts, was einen Bezug zu ihrem Leben hätte. Wenn das nun eine studierte Frau wie Kiyak behauptet, die sich immerhin in der deutschen Kulturlandschaft zu bewegen weiß, wie sollen sich dann die Migranten und die vielen nicht klassisch gebildeten Menschen dieser Gesellschaft von ebendiesem Kulturangebot angesprochen fühlen?
Das Deutsche Theater, sagt Kiyak und meint damit stellvertretend alle staatlich subventionierte Kulturinstitutionen und folglich „die“ Repräsentationsorte deutscher Kultur, gehört denjenigen, die in der hiesigen Gesellschaft den Ton angeben: den Bildungsbürgern. Sie sitzen an den wichtigen Stellen, verwalten Gelder und treffen Entscheidungen darüber, welche Schauspieler und Regisseure an welche Häuser kommen. Seit kurzem hat auch Mely Kiyak die Ehre in solch einem Gremium zu sitzen und über die Förderung von Nachwuchsschriftstellern mitzuentscheiden. Unter den eingereichten Arbeiten, die sie letztens mit ihren Kollegen begutachtete, war auch das Manuskript eines aus dem Irak stammenden Autors. Die deutschen Gutachter legten das Schriftstück beiseite, sie fanden die Sprache zu blumig. Mely Kiyak hingegen fühlte sich in dieser Sprache zuhause, die Geschichte berührte sie, der Autor hatte ihre Zustimmung.
Das zeigt: Soll Diversität mehr als nur eine leere Hülse sein, die über den gescheiterten Multikulturalismus hinwegtröstet, dann muss man Mut beweisen und die Öffnung der Kulturinstitutionen wagen. Eine Möglichkeit bestünde etwa darin, entscheidende Stellen mit Leuten zu besetzen, die in erster Linie durch einen „anderen“ Blick als den uns bisher gewohnten bestechen. Das wäre nicht nur ein zeitgemäßes Vorgehen. Es wäre auch die Chance, eine deutsche Kultur zu definieren, die weitaus mehr zu bieten hat als den bekannten Kanon einer akademischen Elite.
Aktuelle Kommentare