Die Gesellschaft von morgen

Es ist nicht zu leugnen: Migration ist die große Herausforderung unserer Zeit. In vielen Städten Deutschlands hat inzwischen jeder vierte Bürger einen sogenannten Migrationshintergrund, leben viele Kulturen nebeneinander. Der Multikulturalismus mag zwar als gesellschaftliches Konzept ausgedient haben, nichtsdestoweniger ist die Welt in der unser tägliches Leben stattfindet, eine multikulturelle. Was bedeutet das? Seit 2005 akzeptieren wir weitestgehend die Bezeichnung als Einwanderungsland, haben eine Integrationsministerin und bemühen uns um Diversität und kulturelle Vielfalt. Reicht das aber aus? Wissenschaftler etwa gehen einen Schritt weiter und schlagen vor, unser Verständnis von Nation und Ethnos in Frage zu stellen. Künstler ihrerseits bewegen sich in Sphären, die sie als transkulturell bezeichnen. Politiker wiederum betonen immer wieder, wie wichtig Integration ist. Allen aber geht es um dieselbe Frage: In welcher Welt wollen wir morgen leben?  Im Folgenden einige interessante Reflexionen, die sich freuen, weitergedacht zu werden….Der Schriftsteller Wilfried N’Sondé und die Redakteurin Fatema Mian im Gespräch.

Kommen wir zusammen?

Sonntag, 05. Juli 2009 09:32 von Evi Chantzi

Das habe ich am Haus der Kulturen der Welt noch nie erlebt: Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Konferenz drängen sich die Leute vor den verschlossenen Türen des Theatersaales. Nur angemeldeten Besuchern wird der Zugang gewährt, der Rest muss warten – und ich frage mich, ob da drinnen tatsächlich der Anthropologe Arjun Appadurai und die Kulturwissenschaftlerin Hito Steyerl sprechen oder ob nicht etwa gleich Sharukh Khan die Bühne stürmt und ich mich lediglich mit dem Datum oder dem Ort der Veranstaltung vertan habe. Denn auch das Publikum ist auffällig jung, trendig, die meisten im besten Alter zwischen 25 und 45 und, allem Anschein nach, Vertreter der akademischen Szene Berlins. Viele sind eigens für die Veranstaltung aus dem gesamten Bundesland angereist, wie zu einem großen Popfestival.

Es ist offensichtlich: Das Thema zieht, es ist „en vogue“ – oder wie ein Freund letztens treffend sagte, als ich mich wieder einmal darüber wunderte, dass ich doch Proust und Zola studiert habe und jetzt mein Geld mit Geschichten aus dem „Ghetto“ verdiene: Migration sells. Aber wer kauft es? Unter den gut 500 Besuchern sehe ich kaum bzw. nur wenig Leute, die sich von einer Veranstaltung zum Thema „Beyond Multiculturalism“ eigentlich angesprochen fühlen sollten, und zwar die Migranten selbst und all diejenigen, die das multikulturelle Berlin ausmachen. Wo sind sie? Und ist ihre Abwesenheit nicht ein Zeichen dafür, dass wir hierzulande weiterhin nach dem tradierten Konzept des Multikulturalismus „jede Kultur für sich“ leben?

Dass dieses Nebeneinander nicht länger ein tragfähiges Zukunftsmodell darstellen kann, verdeutlicht sodann der Intendant des Hauses, Bernd Scherer, in seiner Begrüßungsrede: Mulitkulti, das war gestern, vor zwanzig Jahren, als das Haus der Kulturen der Welt seinen Betrieb aufnahm. Und prompt geht ein Raunen durch den Saal. Das Publikum geht auf die Provokation ein, es möchte ihm diese These nicht so recht abkaufen. Denn, wie sonst könnte man unsere heutige Gesellschaft definieren, wenn nicht als multikulturell? Das zu beantworten ist die schwierige Aufgabe, die sich die Konferenz gestellt hat. Nicht ohne Grund steht ja hinter dem Titel “Beyond Multiculturalism?” ein großes Fragezeichen.

Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989, die Öffnung der Märkte und die Globalisierung haben in der Tat neue, größere Migrationsströme in Gang gesetzt. Aber was hat sich hierdurch geändert? Sind wir wirklich zusammgekommen, jetzt, wo wir doch so nah beieinander sind, wie nie zuvor? Oder haben wir uns noch mehr in unsere ganze eigene, kuschelige Parallelgesellschaft zurückgezogen? Wie haben wir uns entwickelt und wo gibt es noch Handlungsbedarf, wenn es darum geht, nachhaltige Konzepte für das Miteinander in einer globalisierten Gesellschaft zu entwerfen? Das sind die Fragen, mit denen die Konferenz eröffnet wird und die es in den folgenden Tagen zu vertiefen gilt. Der große Andrang auf die Veranstaltung zeigt: Das Thema trifft den Nerv der Zeit, zumindest bei einer unruhigen, an neuen Gesellschaftsmodellen interessierten akademischen Schicht. Der Rest ist Arbeit.


In seiner Begrüßungsrede spricht Bernd Scherer, Intendant des Hauses, von den zwei Zeiten der Multikulturalität und erklärt “Multikulti” als gesellschaftliches Konzept für passé.
Die Begrüßungsrede von Dr. Bernd Scherer



Susanne Stemmler, Initiatorin der Konferenz, wundert sich darüber, dass Migranten in der öffentlichen Wahrnehmung kaum vorkommen und plädiert allgemein für einen neuen Kulturbegriff.
Der Eröffnungsvortrag von Dr. Susanne Stemmler


Arjun Appadurai spricht über die Risiken des Dialogs und erklärt das Phänomen des Kosmopolitismus „von unten“.
Vortrag auf Englisch | Vortrag auf Deutsch (gedolmetscht)


Die Kulturwissenschaftlerin und Videokünstlerin Hito Steyerl schlägt in ihrem Filmvortrag die Brücke zwischen Migration, Globalisierung und Popkultur und geht auf die Gemeinsamkeiten von traditionellen Voodoo-Kulten und modernen Kunstperformances ein.

Was kommt nach Multikulti?

Donnerstag, 02. Juli 2009 21:10 von Evi Chantzi

In Berlin war Multikulti vor allem eins: Der Radiosender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks Berlin Brandenburg (rbb), der nicht nur – einmalig in der Metropole – Musik aus allen erdenklichen Ländern spielte, sondern auch die “Kanakkultur” salonfähig machte. Vor ungefähr einem Jahr hat die Intendanz des rbb beschlossen, zum 1. Januar 2009 Radio Multikulti einzusparen. Die Aufregung über diese Entscheidung war groß, wie hätte es auch anders sein können. Politiker jeglicher Couleur zeigten sich entrüstet, ein Aufschrei ging durch die Medienlandschaft: Wie, der rbb unterhält sechs Radioprogramme für den deutschen Mainstream und beschließt ausgerechnet die einzige multikulturelle Plattform im Sendegebiet zu opfern? Das geht nicht! Was ist das für eine Botschaft an die Einwanderer und an die Welt? Und so gab es wieder die übliche Unterschriftensammlerei, Proteste und Kundgebungen. In den Feuilletons sinnierte man über die Befindlichkeit der Einwanderungsgesellschaft und über ähnliche, uns allzu sehr bekannte Themen. Alle – außer der Intendanz des rbb – schienen sich einig zu sein: Radio Multikulti muss bleiben. (Gegangen ist es aber trotzdem, hat alles nichts gebracht…)

Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich über die Nachricht von der Schließung nicht ganz so betrübt war. Ja, insgeheim habe ich diese sogar ganz leise befürwortet. Schon seit längerem hat vieles an Radio Multikulti genervt, vorneweg sein Nischencharakter. Zwar feierte der rbb Multikulti als sein Integrationsprogramm, doch ich sah im Sender immer mehr ein Exklusionsprogramm. Hierhin wurden ganz geschickt alle Migrationsthemen, alle Migranten und auch alle Moderatoren mit einem Akzent verlagert. Praktikantenanwärter mit einem ausländisch klingenden Namen hat die Personalabteilung  grundsätzlich Radio Multikulti zugeteilt, ganz gleich, ob das im Sinne der Bewerber war oder nicht.

Das alles war auf der einen Seite gar nicht einmal so schlecht, denn ohne Nischenredaktionen wie Radio Multikulti es gewesen ist, wäre der Journalismus für viele Einwanderer in Deutschland nur ein weit entfernter Traum geblieben. Die Kehrseite der Medaille allerdings ist: Journalisten mit einem Migrationshintergrund werden auf Migrationsthemen beschränkt – ihre Biografie öffnet ihnen die Tore zur Nische, schließt sie  aber gleichzeitig vom großen Mainstreamjournalismus aus. Und so ist es einfacher eine Nadel im Heuhaufen zu finden als Migranten der zweiten und dritten Generation bei einer der großen Politik- und Kulturredaktionen. Das ist auch Günter Piening, dem Integrationsbeauftragten von Berlin, aufgefallen, weshalb er eine Umfrage bei den großen Medienanstalten veranlasste. Er wollte wissen, warum Migranten nicht den Beruf des Journalisten/der Journalistin ergreifen. Als erhellende Antwort bekam er von den jeweiligen Personalabteilungen zu hören, dass sich Migranten  zwar durchaus bewerben, aber man könne sie doch nicht in Ausbildung nehmen, ihr deutsch sei nicht gut genug.

Radio Multikulti aber hat in den letzten 15 Jahren genau das Gegenteil bewiesen. Migranten sprechen durchaus deutsch, manchmal zwar mit einem Akzent, manchmal aber auch ohne. Manchmal betören sie durch ihre Sprachgewandtheit und manchmal durch interessante Wortschöpfungen, die es so im Hochdeutschen nicht gibt. Aber wen stört das schon, solange sie gutes Programm machen? Was wäre folglich so schlimm daran, auch bei anderen Sendern Moderatoren mit einer slawischen Sprachmelodie ans Mikro zu lassen oder die funkigen Musikmixs der dritten Generation zu spielen, die gerne östliche und westliche Klänge mischt? Auf Parties kommen diese Beats super an, nicht nur bei Migranten. Auch “Bio-Deutsche” schwingen hierzu gerne mal die Hüfte, wieso also im Radio darauf verzichten?

“Die Rolle der Medien in der Einwanderungsgesellschaft” – das wäre eigentlich die Diskussion gewesen, die das Ende von Multikulti hätte auslösen müssen. Weil diese aber im Lamento über den Verlust des Senders völlig untergegangen ist, hat Pit Schultz vom Hausradio junge Radiomacher aus Marseille, Berlin und Halle ins Studio geladen, die trotz aller Hürden weiterhin für ein zeitgemäßes Radio in der post-multikulturellen Ära kämpfen. Das wirklich Tolle an dem Gespräch ist: Es wird hier zur Abwechslung einmal nicht geklagt, sondern ganz einfach gemacht!

Zur Sendung: A Different Radio is Possible!

Jorge Garcia: Ethnicity matters!

Mittwoch, 01. Juli 2009 23:05 von Evi Chantzi

Der Philosoph Jorge Garcia betrachtet ethnische Herkunft als eines der wichtigsten Identitätskriterien überhaupt. Seiner Ansicht nach, ist Kultur für Gesellschaften, in denen viele unterschiedliche soziale Identitäten vorherrschen, nicht das ausschlaggebende Kriterium. Was den bedeutenden Unterschied ausmacht, sind immer noch Kategorien wie „Rasse“ und Ethnizität. Vor allem Letztere ist ein derart wichtiger und natürlicher Bestandteil der menschlichen Identität, dass sie nicht eliminiert werden kann. Ethnizität stellt die Zugehörigkeit zu einer großen Familie dar und ist die Nabelschnur zwischen uns und unseren Vorfahren, deren Geschichte wir unabweislich in uns tragen.

Da wir uns unmöglich von der ethnischen Identität lossagen können, plädiert Garcia für die Abschaffung der ethnischen Nation und der Einführung einer multiethnischen Nation, also einer Nation, die sich über mehr als nur eine Ethnie definiert. Auch weist Garcia darauf hin, dass es den reinen ethnischen Nationalstaat niemals gegeben hat. Nationalstaaten haben schon immer mehrere Volksgruppe und Ethnien beherbergt. Wir haben uns lediglich an die Idee eines historischen Konstrukts gewöhnt und glauben immer noch, es handele sich bei Ethnizität und Nationalität um ein und dieselbe Sache.

Doch wie entkoppelt man Ethnizität und Nationalität? Garcia schlägt vor, Nationalität als ein rein politisches Gebilde zu definieren, das losgelöst ist von der Definition über eine bestimmten Sprache oder einem gegebenem Wertesystem. So würde die Nation das administrative und politische Organ einer Gesellschaft darstellen, das jenseits der Interessen einer führenden ethnischen Gruppe agiert. Ethnizität hingegen möchte Garcia als ein flexibles und wandelfähiges Identitätsfeld verstanden wissen, das Änderungen verkraftet und diese auch ermöglicht. Ethnizität ist elastisch und kann neue Werte aufnehmen ohne dabei den Bezug zur eigenen historischen Vergangenheit zu verlieren.

Das Ziel einer solchen Entkoppelung wäre nicht die multikulturelle, sondern die konviviale Gesellschaft. Also  kein hierarchisch gegliedertes Nebeneinander der Kulturen, sondern ein gleichberechtigtes Miteinander in einer ethnisch neutralen Gesellschaft. In einer solchen Gesellschaft wäre der ewige Wettstreit um die Vormachtstellung einer bestimmten Ethnie überflüssig, weshalb man sich der eigentlichen Herausforderung widmen könnte: der Definition neuer politischer Ideen und Konzepte für das 21. Jahrhundert!

In Europa ist multikulti keine Herzensangelegenheit

Dienstag, 30. Juni 2009 22:42 von Evi Chantzi

Mit diesem einen Satz ließen sich Yasemin Soysals Thesen zur Multikulti-Problematik in Europa kurz und knapp zusammenfassen. Die Soziologin geht selbstverständlich etwas gründlicher vor. In ihrem Konferenzbeitrag deckt sie zunächst einen großen Widerspruch im europäischen Umgang mit Einwanderung auf und zeigt sodann am Beispiel der USA den Unterschied zwischen dem – wie ich es nennen möchte – Multikulturalismus als „Kopfprojekt“ und als „Herzensangelegenheit”.

Das große Paradox

Yasemin Soysal hat stapelweise Bücher für den Schulunterricht und Lehrpläne der staatlichen Ministerien studiert. Sie wollte wissen, wie das europäische Erziehungswesen mit Vielfalt umgeht. Das Ergebnis ist erstaunlich: Quer durch Europa wird in den Schulen eine offene, vielfältige  und kosmopolite Gesellschaft gepredigt. Die Message ist: Wir waren schon immer multikulturell und werden es auch immer sein. Dabei rückt auch die nationale Identität in den Hintergrund zugunsten eines toleranten Kosmopolitismus. Sogar auf den Einfluss des Islam in Europa wird intensiv eingegangen. Der Widerspruch ist offensichtlich: Im Alltag streiten wir über die christliche Identität der EU, führen Debatten zur „Leitkultur“ und können – anders als in den Büchern bildlich dargestellt – Migranten in der Politik und in gesellschaftlichen Schlüsselpositionen an einer Hand abzählen.

Das Kopfprojekt

Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären? Yasemin Soysal sucht die Gründe für diesen Widerspruch in der neueren Geschichte Europas. Denn, wenn sich Europa in der Nachkriegszeit kulturell geöffnet hat und durch die Gründung der Europäischen Union der Versuch unternommen wurde, Grenzen aufzuweichen, so geschah dies in erster Linie über institutionelle Reformen. Das heißt: Änderungen im Staatsbürgerschaftsrecht oder in der Definition des Nationalstaates wurden nicht aufgrund einer durch Migration veränderten Realität in die Wege geleitet. Vielmehr handelte man im Geist der Nachkriegszeit (wobei natürlich auch der Zweite Weltkrieg und die Erfahrung mit dem Holocaust eine wesentliche Rolle spielten) und setzte sich im Sinne einer transnationalen Normativität und eines universalistischen Projektes für die Erweiterung der Menschenrechte und die Gleichstellung aller Bürger ein. Das alles passierte aber nicht aus dem inneren der Gesellschaft heraus, sondern wurde von außen aufoktroyiert.

Die Herzensangelegenheit

Anders in den USA. Hier rühren alle gesellschaftlichen Reformen aus einer tiefen, inneren Auseinandersetzung mit der multikulturellen Gesellschaft. Und weil Yasemin Soysal das so schön erklärt hat, zitiere ich sie hier wortwörlich:

Institutionalisation of multiculturalism in the US has been part of the broader struggles and conflicts, including civil rights and women’s movements, which attended and succeeded to large extent to recognize the multi-racial, multi-ethnic origins of the nation, give actorhood to minorities and do away with discriminations based on race, ethnic origins, gender and sexual orientation. So multiculturalism in the US developed partly as an effort or struggle to offset the dominant „eurocentric“, universalistic perspectives, and partly as a response to deep inequalities in American society. […] It developed as a means to redistribute justice.

Fazit

Kommen wir zurück zum europäischen Paradox. Man könnte nun behaupten, wir seien auf dem besten Weg, uns in eine offene und tolerante Gesellschaft zu wandeln. In den Schulen Europas wird der neue Kosmopolitismus gelehrt, das ist doch allemal ein Anfang. Aber Achtung: Wie Yasemin Soysal anmerkt, handelt es sich um ein „Einzelprojekt“, das keineswegs Bestandteil einer größeren Multikulturalismus-Agenda ist. Europa verfolgt zwar einerseits das Ideal der kosmopoliten Gesellschaft, weigert sich aber den entscheidenden Schritt zu gehen und sich den Spannungen zu stellen, welche diese Öffnung mit sich bringt. Dies würde in erster Linie bedeuten, den strukturellen Rassismus anzugehen und sich infolge von einer sozialen Ordnung zu verabschieden, die auf die Herrschaft einer bestimmten Ethnie ausgerichtet ist.

Mit anderen Worten: Es geht darum, eine Migrationspolitik zu gestalten, die wahre Herzensangelegenheit ist und den Multikulturalismus als Chance für tiefgreifende Veränderungen begreift (im Sinne von „redistribution of justice“). Weitere Kopfprojekte zusammenzuspinnen, die etwa auf die bessere Integration der Einwanderer in die vorhandenen Strukturen abzielen, werden fehlschlagen. Denn es ist wie in der Liebe auch: will man zusammen glücklich werden, müssen beide etwas dafür tun.

„Ethnie ist nur eine unter vielen möglichen Variablen“ – Steven Vertovec erklärt das Konzept der „Super-Diversity“

Mittwoch, 17. Juni 2009 14:14 von Evi Chantzi

Herr Vertovec, Sie haben den Begriff  „Super-Diversity“ geprägt, um die multiethnische Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu beschreiben. Was spricht gegen die geläufige Bezeichnung „multikulturell“?

Das Konzept der „Super-Diversity“ richtet sich in erster Linie an Akteure der Migrationspolitik. Es soll sie dafür sensibilisieren, dass wir eine große Bandbreite von sozialen Variablen berücksichtigen müssen, wenn wir über Einwanderung in der heutigen Gesellschaft sprechen. „Super“ ist in diesem Zusammenhang keineswegs als „mächtig“ oder „gewaltig“ zu verstehen. Vielmehr gebrauche ich „super“ in der Bedeutung von „über etwas hinausgehen“. Damit möchte ich eine Gesellschaft beschreiben, die durch so viele verschiedene Parameter geprägt ist, wie wir uns das bislang nicht vorzustellen vermögen. Das Wort „multikulturell“ kann diese Komplexität nicht mehr erfassen, denn es  bezieht sich auf eine Gesellschaft, wie sie vor etwa dreißig oder vierzig Jahren aus den Migrationsprozessen der Nachkriegszeit  hervorgegangen war. Aber seit den 1990er Jahren haben wir es mit einer anderen, viel komplexeren Form von Migration zu tun, für die wir neue Konzepte benötigen.

Inwiefern ist die neue Migrationsbewegung komplexer als diejenige der Nachkriegszeit?

Die Migration der Nachkriegszeit zeichnet sich vor allem durch Homogenität aus, etwa hinsichtlich der Herkunft von Einwanderern, ihres sozialen oder rechtlichen Status oder der in den Migrationsprozess involvierten Ländern. Migration fand immer von einem ganz bestimmten Land in ein ganz bestimmtes Land statt und in großen Zahlen: Fast alle Migranten aus der Türkei kamen nach Deutschland, die Algerier hingegen gingen nach Frankreich, die Pakistaner nach Großbritannien. Auch handelte es sich um eine ganz spezifische Gruppe: Junge Männer, die mit Verträgen als Arbeiter kamen und später ihre Familien nachholten. Im Unterschied hierzu findet Migration heute in kleineren Gruppen statt. Die Einwanderer kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und verteilen sich quer durch Europa. In vielen Städten, ganz gleich ob in Birmingham oder in Frankfurt, leben etwa hundert Leute aus Ghana, ein paar hunderte aus Bolivien und vielleicht tausend Menschen aus Malaysien. Folglich ist das Spektrum an Herkunftsländern, aber auch an Migrationskanälen breiter geworden: Manche Einwanderer kommen als Flüchtlinge, andere als Studenten, ganz andere wiederum über einen klassischen Arbeitsvertrag – mit oder auch ohne Familie. Es gibt nicht mehr diese Homogenität wie in der Nachkriegszeit.

Wie gehen die Aufnahmeländer mit dieser neuen Form der Migration um?

Vorrangig, indem sie immer mehr Aufenthaltstitel einführen. In Großbritannien etwa gibt es mittlerweile achtzig verschiedene Formen des Aufenthaltsstatus. Jeder einzelne gewährt andere Rechte und regelt auf unterschiedliche Art und Weise den Zugang zum Arbeitsmarkt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Denn die sogenannte Integration der Einwanderer oder ihre Eingliederung in das politische und rechtsstaatliche System werden weitgehend von ihrem Aufenthaltsstatus bestimmt. Auch bekommen nicht alle Einwanderer, die aus demselben Land kommen, den gleichen Aufenthaltstitel ausgestellt. Das heißt: Mitglieder einer Ethnie und oftmals sogar einer Familie verfügen in der neuen Gesellschaft nicht über die gleichen Rechte.

Die Ethnie kann also nicht mehr als ein absolutes Kriterium für die Kategorisierung von Einwanderern betrachtet werden.

Selbstverständlich wäre es ausgesprochen töricht, die Kategorie der Ethnie ganz außen vor zu lassen. Sowohl die ethnische Identität als auch bestimmte kulturelle Traditionen und die Verbindung zum Herkunftsland bleiben weiterhin ausschlaggebende Faktoren für die Identität. Aber ich hoffe, dass Konzepte wie „Super-Diversity“ verdeutlichen, dass Ethnizität nur eine unter vielen möglichen Variablen ist, deren Dimension individuell bestimmt werden kann. Worum es eigentlich geht, ist anzuerkennen, dass Mitglieder aus ein- und derselben ethnischen Gruppe, neue gesellschaftliche Gruppierungen formen oder sich den bereits vorhandenen anschließen können. In der Wissenschaft sprechen wir von Milieus, die sich je nach Wertvorstellungen, Traditionsbewusstsein, Kosmopolitismus oder Konsumverhalten unterschiedlich zusammensetzen. Diese sogenannten Milieus unterminieren oftmals die Kategorie der Ethnie und sind für die Identität weitaus wichtiger als die eigentliche Herkunft.

Sie haben zu Beginn gesagt, dass „Super-Diversity“ als Arbeitskonzept für Politiker gedacht ist. Wie kann „Super-Diversity“ die Gestaltung von Einwanderungspolitik beeinflussen?

Ich stelle immer wieder fest, dass die Handlungsfelder der Migrationspolitik auf eine Gesellschaft abzielen, wie sie der Multikulturalismus definiert hat. Sprich: Es werden weiterhin Programme rund um das Herkunftsland und die Ethnie erarbeitet. Hier setzen Konzepte wie dasjenige der „Super-Diversity“ an, die den Fokus auf andere Variablen richten, nicht zuletzt auf den Aufenthaltsstatus, der in der Integrationspolitik unbedingt berücksichtigt werden muss. Auch finde ich, wird durch „Super-Diversity“ die Bedeutung von Vernetzungspraktiken deutlich: Menschen verbindet viel mehr als nur die Herkunft. Es ist folglich notwendig, durch Nachbarschaftsprojekte etc. eine Politik in die Wege zu leiten, die Bürger unterschiedlichster Herkunft miteinader in Kontakt treten lässt. Das fördert weitaus mehr die Integration als irgendwelche Studien, die Aufschluss darüber gewähren sollen, wie gut oder schlecht eine bestimmte Ethnie in der Schule abschneidet.

Und, wird das Konzept der Super-Diversity” von der Politik angenommen?

Ehrlich gesagt, ist das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft kein einfaches. Politiker tun sich nicht leicht mit den komplexen Fragestellungen, die wir Wissenschaftler aufwerfen, wofür ich vollstes Verständnis habe. Sie konzentrieren sich vielmehr auf den harten Alltag, das ist ihre Arbeit. Aber ich möchte nochmals betonen: Ohne eine realistische Einschätzung der gesellschaftlichen Gegebenheiten und der Auseinandersetzung mit Konzepten wie „Super-Diversity“ wird eine erfolgreiche Migrationspolitik nicht gelingen.

Herkunft als Schicksal

Donnerstag, 11. Juni 2009 22:29 von Evi Chantzi

„Die Vorstellung zurückzuweisen, dass Herkunft Schicksal sei, darin gründet das Wesen einer modernen, aufgeklärten Gesellschaft“, so der amerikanische Wissenschaftler David Hollinger. Der Politikwissenschaftler und Migrationsforscher Michael Werz geht einen Schritt weiter und sieht im Umgang einer Gesellschaft mit ihren Einwanderern einen Lackmustest für Demokratie. Denn, nach Werz, gibt Migration Aufschluss darüber, inwiefern eine Gesellschaft pluralistische und säkulare Anschauungen verinnerlicht und sich auf den Weg ins 21. Jahrhundert gemacht hat oder ob sie weiterhin im 19. Jahrhundert nach Antworten sucht und Herkunft mit Schicksal ineinssetzt.

Inspiriert von diesen Thesen, möchte ich hier die Gretchenfrage stellen: Wie halten wir es denn in Deutschland mit der Herkunft? Ist sie noch Schicksal oder schon Historie?

Die Migrationsforscherin Nevim Çil hat in ihrem kritischen Beitrag zum Multikulturalismus in Deutschland aufgezeigt, wie dieser sich lediglich darauf beschränkte, Bürgern, entsprechend ihrer Ethnie, einen ganz bestimmten Platz innerhalb der Gesellschaft zuzuweisen: „Es war die Entdeckung der kulinarischen Vielfalt und die Geburtsstunde der Ethnisierung von Menschen mit einem Migrationshintergrund,“ erklärt Nevim Çil. Nationale bzw. ethnische Kriterien bildeten die Distinktionsmerkmale schlechthin: In erster Linie war man „Türke“, „Grieche“, „Italiener“, alles andere war zweitranging oder interessierte nicht. Herkunft  und Schicksal waren somit eng aneinander gekoppelt und bildeten eine untrennbare Einheit.

Wie sieht es heute aus? Deutschland ist in den letzten Jahren zweifellos in migrationspolitischen Fragen auf der Überholspur gefahren. Inzwischen herrscht auch bei uns das Bewusstsein, dass wir in einer Einwanderungsgesellschaft leben, die durch Diversität bestimmt wird. Das heißt: Wir gehen nicht mehr von einem Prototyp des „Türken“, „Griechen“, „Kroaten“ oder des „Deutschen“ aus. Denn wir alle weisen neben unserer Herkunft auch andere Identitätskomponenten auf, die viel stärker als jene „vererbte“ Identität zum Tragen kommen können. Es ist also jedem selbst überlassen, wie er/sie sich innerhalb der deutschen Gesellschaft definieren möchte. Das kann etwa über die politische Gesinnung, die sexuelle Orientierung, dem Glauben oder tatsächlich auch über die ethnische Herkunft  passieren. In dieser Freiheit über die eigene Identität zu bestimmen, gründet das Wesen der modernen, post-multikulturellen Gesellschaft (David Hollinger). Deshalb haben wir auch den Multikulturalismus (mehrere Kulturen nebeneinander) durch das Wort Diversität (viele unterschiedliche Individuen unter einem großen Dach) ausgetauscht oder sprechen gar von Super-Diversity (Steven Vertovec).

Alles schön und gut. Wie sieht es aber in der Praxis aus? Sind wir über jegliche Fragen der Herkunft erhaben? Nicht so ganz, würde ich meinen. Wir sortieren zwar nicht mehr so streng nach Ethnien, doch haben wir in unserem Sprachgebrauch dieses eine etwas umständliche Wort, mit dem wir weiterhin Herkunft markieren: den Migrationshintergrund. Denn was anderes machen wir mit diesem Wort, wenn nicht zwischen „echten“ und „falschen“ Deutschen zu unterscheiden? So fragte sich auch die 20-jährige Konferenzteilnehmerin Lamia Üzal, die bereits in der dritten Generation hier aufwächst, ob denn auch ihre Kinder noch „Personen mit einem Migrationshintergrund“ sein würden.

„Im deutschen Mehrheits-Wir haben Deutsche mit dunklen Haaren kaum Platz“, resümiert Nevim Çil. Denn ungeachtet der Tatsache, ob sich Migranten zu dieser Gesellschaft bekennen und gar deutsche Staatsbürger sind, für einen großen Teil der Gesellschaft bleibt die Kopplung bestimmter Identitätsmuster weiterhin schwer verständlich, so zum Beispiel die Kombination “deutsch und dunkelhäutig” bzw. “deutsch und muslimisch”.

In den Konferenzpanels war man sich einig: Solange es immer noch auf Differenzen zu einem ethnisch bestimmten Mehrheits-Wir ankommt, drehen wir uns im Kreis und sind weit davon entfernt, eine moderne Einwanderungsgesellschaft zu sein, deren Eigenart es doch ist, Vielfalt zu ertragen.

Mit der Entkoppelung von ethnischer und nationaler Identität tun wir Europäer uns jedoch im Allgemeinen schwer. Das ist keinesfalls nur ein deutsches Problem. Deshalb empfiehlt Michael Werz, ab und zu den Blick über den großen Teich zu wagen und ich die Lektüre seines Artikels im Tagesspiegel vom 3.06.2009: Was kommt nach Multikulti?