
Herr Vertovec, Sie haben den Begriff „Super-Diversity“ geprägt, um die multiethnische Gesellschaft im 21. Jahrhundert zu beschreiben. Was spricht gegen die geläufige Bezeichnung „multikulturell“?
Das Konzept der „Super-Diversity“ richtet sich in erster Linie an Akteure der Migrationspolitik. Es soll sie dafür sensibilisieren, dass wir eine große Bandbreite von sozialen Variablen berücksichtigen müssen, wenn wir über Einwanderung in der heutigen Gesellschaft sprechen. „Super“ ist in diesem Zusammenhang keineswegs als „mächtig“ oder „gewaltig“ zu verstehen. Vielmehr gebrauche ich „super“ in der Bedeutung von „über etwas hinausgehen“. Damit möchte ich eine Gesellschaft beschreiben, die durch so viele verschiedene Parameter geprägt ist, wie wir uns das bislang nicht vorzustellen vermögen. Das Wort „multikulturell“ kann diese Komplexität nicht mehr erfassen, denn es bezieht sich auf eine Gesellschaft, wie sie vor etwa dreißig oder vierzig Jahren aus den Migrationsprozessen der Nachkriegszeit hervorgegangen war. Aber seit den 1990er Jahren haben wir es mit einer anderen, viel komplexeren Form von Migration zu tun, für die wir neue Konzepte benötigen.
Inwiefern ist die neue Migrationsbewegung komplexer als diejenige der Nachkriegszeit?
Die Migration der Nachkriegszeit zeichnet sich vor allem durch Homogenität aus, etwa hinsichtlich der Herkunft von Einwanderern, ihres sozialen oder rechtlichen Status oder der in den Migrationsprozess involvierten Ländern. Migration fand immer von einem ganz bestimmten Land in ein ganz bestimmtes Land statt und in großen Zahlen: Fast alle Migranten aus der Türkei kamen nach Deutschland, die Algerier hingegen gingen nach Frankreich, die Pakistaner nach Großbritannien. Auch handelte es sich um eine ganz spezifische Gruppe: Junge Männer, die mit Verträgen als Arbeiter kamen und später ihre Familien nachholten. Im Unterschied hierzu findet Migration heute in kleineren Gruppen statt. Die Einwanderer kommen aus den unterschiedlichsten Ländern und verteilen sich quer durch Europa. In vielen Städten, ganz gleich ob in Birmingham oder in Frankfurt, leben etwa hundert Leute aus Ghana, ein paar hunderte aus Bolivien und vielleicht tausend Menschen aus Malaysien. Folglich ist das Spektrum an Herkunftsländern, aber auch an Migrationskanälen breiter geworden: Manche Einwanderer kommen als Flüchtlinge, andere als Studenten, ganz andere wiederum über einen klassischen Arbeitsvertrag – mit oder auch ohne Familie. Es gibt nicht mehr diese Homogenität wie in der Nachkriegszeit.
Wie gehen die Aufnahmeländer mit dieser neuen Form der Migration um?
Vorrangig, indem sie immer mehr Aufenthaltstitel einführen. In Großbritannien etwa gibt es mittlerweile achtzig verschiedene Formen des Aufenthaltsstatus. Jeder einzelne gewährt andere Rechte und regelt auf unterschiedliche Art und Weise den Zugang zum Arbeitsmarkt. Das bleibt nicht ohne Folgen. Denn die sogenannte Integration der Einwanderer oder ihre Eingliederung in das politische und rechtsstaatliche System werden weitgehend von ihrem Aufenthaltsstatus bestimmt. Auch bekommen nicht alle Einwanderer, die aus demselben Land kommen, den gleichen Aufenthaltstitel ausgestellt. Das heißt: Mitglieder einer Ethnie und oftmals sogar einer Familie verfügen in der neuen Gesellschaft nicht über die gleichen Rechte.
Die Ethnie kann also nicht mehr als ein absolutes Kriterium für die Kategorisierung von Einwanderern betrachtet werden.
Selbstverständlich wäre es ausgesprochen töricht, die Kategorie der Ethnie ganz außen vor zu lassen. Sowohl die ethnische Identität als auch bestimmte kulturelle Traditionen und die Verbindung zum Herkunftsland bleiben weiterhin ausschlaggebende Faktoren für die Identität. Aber ich hoffe, dass Konzepte wie „Super-Diversity“ verdeutlichen, dass Ethnizität nur eine unter vielen möglichen Variablen ist, deren Dimension individuell bestimmt werden kann. Worum es eigentlich geht, ist anzuerkennen, dass Mitglieder aus ein- und derselben ethnischen Gruppe, neue gesellschaftliche Gruppierungen formen oder sich den bereits vorhandenen anschließen können. In der Wissenschaft sprechen wir von Milieus, die sich je nach Wertvorstellungen, Traditionsbewusstsein, Kosmopolitismus oder Konsumverhalten unterschiedlich zusammensetzen. Diese sogenannten Milieus unterminieren oftmals die Kategorie der Ethnie und sind für die Identität weitaus wichtiger als die eigentliche Herkunft.
Sie haben zu Beginn gesagt, dass „Super-Diversity“ als Arbeitskonzept für Politiker gedacht ist. Wie kann „Super-Diversity“ die Gestaltung von Einwanderungspolitik beeinflussen?
Ich stelle immer wieder fest, dass die Handlungsfelder der Migrationspolitik auf eine Gesellschaft abzielen, wie sie der Multikulturalismus definiert hat. Sprich: Es werden weiterhin Programme rund um das Herkunftsland und die Ethnie erarbeitet. Hier setzen Konzepte wie dasjenige der „Super-Diversity“ an, die den Fokus auf andere Variablen richten, nicht zuletzt auf den Aufenthaltsstatus, der in der Integrationspolitik unbedingt berücksichtigt werden muss. Auch finde ich, wird durch „Super-Diversity“ die Bedeutung von Vernetzungspraktiken deutlich: Menschen verbindet viel mehr als nur die Herkunft. Es ist folglich notwendig, durch Nachbarschaftsprojekte etc. eine Politik in die Wege zu leiten, die Bürger unterschiedlichster Herkunft miteinader in Kontakt treten lässt. Das fördert weitaus mehr die Integration als irgendwelche Studien, die Aufschluss darüber gewähren sollen, wie gut oder schlecht eine bestimmte Ethnie in der Schule abschneidet.
Und, wird das Konzept der „Super-Diversity” von der Politik angenommen?
Ehrlich gesagt, ist das Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft kein einfaches. Politiker tun sich nicht leicht mit den komplexen Fragestellungen, die wir Wissenschaftler aufwerfen, wofür ich vollstes Verständnis habe. Sie konzentrieren sich vielmehr auf den harten Alltag, das ist ihre Arbeit. Aber ich möchte nochmals betonen: Ohne eine realistische Einschätzung der gesellschaftlichen Gegebenheiten und der Auseinandersetzung mit Konzepten wie „Super-Diversity“ wird eine erfolgreiche Migrationspolitik nicht gelingen.
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