Eine Konferenz, die nach dem Zusammenleben in der post-multikulturellen Gesellschaft fragt, wäre nicht vollständig, würde sie nicht auf die politischen Konzepte der Parteien eingehen, mit denen die Zukunft gestaltet werden soll. So werden an diesem Abend „jene zu Wort kommen, die auch morgen noch das politische Geschehen beeinflussen können“. Das HKW hat bei den Parteien nach jungen Politikern angefragt, die sich intensiv mit Migrationsfragen beschäftigen, um uns einen Einblick in die “Politik für Übermorgen” zu geben. Eine höchst anspruchsvolle Aufgabe, insbesondere vor dem Hintergrund der bevorstehenden Europawahlen (in zwei Tagen) und der Bundestagswahlen (im September).
Drei Dinge fallen gleich als Erstes auf: Die Repräsentanten, die für Migrationspolitik verantwortlich sind, haben alle einen Migrationshintergrund. Die CDU hat aus welchen Gründen auch immer keinen Vertreter zu diesem Gespräch geschickt. Die FDP-Vertreterin Hanaa El-Hussein bekleidet in ihrer Partei das Amt der „Vorsitzenden des Landesfachausschusses für Ausländerpolitik“. Dass es das Wort „Ausländer“ in der BRD überhaupt noch in einem migrationspolitischen Zusammenhang gibt, versetzt mich ja regelrecht in Staunen und ich frage mich, ob Frau El-Hussein nur für die Leute zuständig ist, die aus dem Ausland für ein paar Jahre nach Deutschland kommen oder auch für Einwanderer mit und ohne deutsche Staatsbürgerschaft…
Durch die gesamte Veranstaltung hindurch habe ich das Gefühl, ein déjà-vu zu erleben. Da wäre zunächst der inflationäre Gebrauch des Wortes „Integration“ zu nennen, zudem in Verbindung mit Floskeln, die wir in den letzten Jahren schon zu genügend gehört haben: „Erfolgreiche Integration ist keine Einbahnstraße“ (Hanaa El-Hussein, FDP), „Bildung ist der Schlüssel zu erfolgreicher Integration“ (Raed Saleh, SPD), „Sprache ist nicht der Schlüssel der Integration. Viele sprechen deutsch, sind aber nicht integriert“ (Evrim Baba, Die Linke). Allein Ramona Pop von den Grünen zeigt sich etwas visionärer, wenn sie feststellt: „Multikulturell und Integration, das sind Begriffe von gestern“. Allerdings fällt ihr zu morgen nicht mehr ein als das Konzept der „Teilhabe“, welches im migrationspolitischen Diskurs zurzeit Hochkonjunktur erfährt und daher auch nicht mehr ganz so frisch wirkt. Auch finde ich Ramona Pop’s Versuch dieses Konzept anhand des immergleichen Beispiels der Staatsbürgerschaft zu verdeutlichen, nicht wirklich gelungen: „Einbürgerung ermöglicht gesellschaftliche Teilhabe“. Das wissen wir auch schon! Interessanter wäre es doch zu erfahren, was Frau Pop sich konkret unter gesellschaftlicher Teilhabe vorstellt und wie diese in die Praxis umgesetzt werden könnte? Eingebürgerte Migranten sind nun wirklich keine Rarität, aber ist die Einbürgerung wirklich das Ticket zur Teilhabe oder gibt es auch weitere Hürden und Hindernisse, die überwindet werden müssen? Wie ermöglicht man Einwanderern und deren Nachkommen über das Wahlrecht hinaus, die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben? Hier hätte ich es angebracht gefunden, etwa das Für und Wider einer Quotenpolitik abzuwägen oder auch über die “Integration” der Mehrheitsgesellschaft zu sprechen. Solche Aspekte werden aber kaum berücksichtigt.
Stattdessen kreist die Diskussion, deren Stoßrichtung auch maßgeblich vom Publikum bestimmt wird, um Staatsbürgerschaft, Sprache, Schule. Ja, sogar die Zwangsverheiratungen bleiben nicht aus. Die Debatte zu den migrationspolitischen Strategien der Zukunft kommt in einem uns doch sehr bekannten Gewand daher, ohne wirklich etwas Neues zu bieten und verirrt sich zudem in der Sackgasse der Integrationsrhetorik. Das lässt eine etwas verzweifelte Konferenzbesucherin aufschreien, die mit dem Programmheft winkend, darauf aufmerksam macht, dass es doch um Migration und nicht um Integration gehen sollte.
Fazit Nr. 1 lautet folglich: Auch in Zukunft wird es Migration ohne Integration nicht geben.
Fazit Nr. 2: Man merkt, wie schwer es ist, in der Politik wirklich Neues zu wagen, vor allem in Zeiten des Wahlkampfes. Das sticht bei dieser Konferenz um so mehr ins Auge, als zuvor Wissenschaftler das Wort hatten, die mit originellen Ansätzen die gängigen Definitionen von Staat, Nation und Gesellschaft in Frage gestellt haben.
Fazit Nr. 3: Die Wissenschaft ist einen Schritt voraus, die Politik hinkt einen hinterher. Vielleicht sollte man nicht nur darüber nachdenken, wie die unterschiedlichen Kulturen einer Gesellschaft unter ein und dasselbe Dach zu bringen sind. Allem Anschein nach ist es auch notwendig, mehr Schnittstellen zwischen Politik und Wissenschaft zu schaffen. Dann stünden die Chancen nicht schlecht, dass zur Abwechslung auch einmal im Gleichschritt gegangen wird…
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